Lichtenhagen im Gedächtnis -
Das Pogrom  

Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen stehen synonym für die gesellschaftlichen Verwerfungen der wiedervereinigten Bundesrepublik in den 1990er Jahren. Im Sommer 1992 stand Rostock-Lichtenhagen im Mittelpunkt der massivsten fremdenfeindlichen Ausschreitungen in der Geschichte der Bundesrepublik. In der Mecklenburger Allee in Lichtenhagen fand sich die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAst) des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern. Das Nachbargebäude war seit Anfang der 1980er Jahre ein Wohnheim für vietnamesische Vertragsarbeiter*innen gewesen.

Im Verlauf des Jahres 1992 hatte sich die ZAst zum sozialen Brennpunkt mit einem gehörigen Konfliktpotential entwickelt: durch den verstärkten Zuzug osteuropäischer Geflüchteter hoffnungslos überbelegt und von den verantwortlichen politischen Instanzen vernachläßigt. Die katastrophalen Bedingungen vor und in der ZAst verbanden sich mit Blick auf die rumänischen Roma zudem mit tradierten, rassistischen Vorurteilen der deutschen Bevölkerungsmehrheit. Die seit Monaten aufgeheizte Stimmung wurde zudem von rechten Parteien und Initiativen befeuert.

Im August griffen hunderte Gewalttäter*innen die Gebäude mit Steinen und Brandflaschen an: über Tage hinweg, medial begleitet und exekutiv nahezu ungehindert. Tausende Anwohner*innen unterstützten und bejubelten die Angriffe. Nach der Evakuierung der ZAst setzte der Mob das nebenstehende ungeschützte Wohnheim in Brand. Mehr als einhundert im Haus eingeschlossene vietnamesische Bewohner*innen, Unterstützer*innen und ein ZDF-Fernsehteam waren vom Tode bedroht. Sie flohen über die Dächer der anliegenden Gebäude, nachdem sie die Zugänge aufbrechen konnten.

Im Ergebnis des Pogroms stand das Rückführungsabkommen zwischen der Bundesrepublik und Rumänien und die seit Jahren forcierte Einschränkung des bundesrepublikanischen Asylrechts per Grundgesetzänderung.