Chronik

Im August 2017 bereitet das Projekt „Lichtenhagen im Gedächtnis“ eine Chronik des rassistischen Pogroms von Rostock-Lichtenhagen 1992 in Form einer Twitter-Chronik auf.

Wozu eine Twitter-Chronik und was kann sie leisten?

Das Projekt „Lichtenhagen im Gedächtnis“ in der Trägerschaft von Soziale Bildung e. V. hat sich neben der Sammlung und Bereitstellung von Archivmaterialien zu den Ereignissen im August 1992, die Erstellung und Veröffentlichung von Bildungsmaterialien und Handreichungen zur Thematisierung in der Schule oder in der außerschulischen Bildungsarbeit zur Aufgabe gemacht. Anlässlich des 25. Jahrestages des Pogroms wird das Projekt jene Ereignisse durch das Medium Twitter aufbereiten und für die Geschichte(n) rund um das „Sonnenblumenhaus“ sensibilisieren.

Anhand von Originalquellen, die detaillierte Informationen und Augenzeug*innenberichte vom August 1992 enthalten und im unmittelbaren zeitlichen Umfeld der Ereignisse entstanden, werden hierzu in Form von Kurznachrichten (Tweets) chronologisch auf Twitter veröffentlicht. Twitter bietet die Möglichkeit eine breite Öffentlichkeit zu erreichen und relativ barrierearm Informationen von Archivquellen in Form prägnanter Tweets zu veröffentlichen.

Einerseits reflektiert die Auswahl der Quellen die Vielfalt und den Aufbau des Archivs zum Pogrom von Lichtenhagen, andererseits können auf diese Weise Perspektivierungen verschiedener Akteur*innen dargestellt werden. Hierbei beschränkt sich die Chronik bewusst auf Quellen aus dem lokalen Spektrum, um Wahrnehmungen der Ereignisse möglichst authentisch darzustellen. Neben Originalquellen von Feuerwehr, Polizei und antifaschistischen Unterstützer*innen wäre für eine adäquate Darstellung insbesondere die Perspektive der von Rassismus Betroffenen (ehemalige Vertragsarbeiter*innen aus Vietnam in der DDR, sowie Geflüchtete überwiegend aus den Balkangebieten) wichtig – zielten die Angriffe doch auf sie ab. Die fehlende Betroffenenperspektive stellt daher eine Lücke der Chronik, sowie des Archivs im Allgemeinen dar.

Auch jenseits dieser Leerstelle entspringt aus der Aufbereitung dieser Quellen allerdings keine historische Wahrheit. Zum Einen wurden die Dokumente durch die Akteur*innen selbst teilweise erst im Nachhinein produziert (Protokolle die z.B. durch die Polizei erst am Folgetag angefertigt wurden), zum Anderen bedeutet auch die Aufbereitung durch Dritte trotz der Einhaltung wissenschaftlicher Standards eine neue Kontextualisierung und keine „reine“ Wiedergabe vermeintlich objektiver Fakten. An dieser Stelle lässt sich allerdings gerade der Vorzug von Twitter einführen: Gerade die Begrenzung jedes Tweets auf 140 Zeichen und die Einzelnennung einer jeden Nachricht lassen diese Brüche offen zu Tage treten – keine Erzählung, sondern vielmehr eine Collage der Überlieferung entsteht. Trotz aller Aufbereitung wird auf diese Weise die Bildung einer einheitlichen und abgeschlossenen Geschichte blockiert, bleiben Fragmente in ihrer Diskontinuität zurück, werfen sich im besten Falle Fragen zur Geschichte auf.

Die veröffentlichte Twitter Chronik beschränkt sich daher bewusst auf die nähere Ereignisgeschichte des August 1992, dieser Zeitausschnitt mit einigen Tagen vor und nach dem Pogrom wurde durch die Projektmitarbeitenden auf Grundlage der vorliegenden Archivmaterialien gewählt. Da das Pogrom von Lichtenhagen jedoch kein Einzelereignis war und es nicht losgelöst von gesellschaftlichen Entwicklungen zuvor und der anschließenden Zukunft zu sehen wäre, werden wir im Folgenden relevante Aspekte der Vor- wie auch Nachgeschichte kurz darstellen. Nur durch die Betrachtung des weiteren Zusammenhangs können gesellschaftliche und historische Prozesse verstanden und interpretative Verkürzungen vermieden werden.

Was geschah vor Lichtenhagen 1992?

Die 1990er Jahren bedeuteten insbesondere für Bewohner*innen der ehemaligen DDR Zeiten des massiven Umbruchs und für die Gesellschaft insgesamt eine radikale Transformation. Noch im September 1989 begann mit den ersten Montagsdemonstrationen in Leipzig eine soziale Bewegung mit Forderungen liberaler Rechte wie Presse-, Reise- und Wahlfreiheit für DDR-Bürger*innen, die in der Dynamik der nächsten Wochen zu Forderungen nach Wiedervereinigung und einem Ende der DDR wurden. Durch den Mauerfall am 9. November 1989, die Gründung der Treuhand zur Veräußerung der DDR-Staatsbetriebe im März 1990 und dem Wahlsieg der „Allianz für Deutschland“ (CDU, DSU, DA) bei den letzten Volkskammerwahlen am 18.03.1990 war das Ende des Nationalstaates der DDR erreicht und deren Gebiet mit der Bundesrepublik Deutschland wiedervereinigt. Für die öffentlichen, politischen, ökonomischen, privaten und gesellschaftlichen Strukturen der vormaligen DDR bedeutete dies Zusammenbruch, Unsicherheit, Wandel aber auch neue Freiräume. Wo vormals z.B. jugendliche Subkulturen wie Punks oder Gothics ausgegrenzt und kriminalisiert wurden, bestand nun vielerorts die Möglichkeit in leerstehenden Häusern eigene illegale Clubs zu errichten, Konzerte im Freien abzuhalten oder Wohnraum anzueignen.

Neben dem Zugewinn von Handlungsfreiräumen wirkte jedoch der Verlust von vorherig Bekanntem und vermeintlich Sicherem negativ in Form von Perspektivlosigkeit und sozialen Krisen. Durch die Veräußerung ehemaliger Staatsbetriebe und darauf nicht selten anschließenden Schließungen erreichten in Ostdeutschland die Arbeitslosenquoten Höchststände, in Rostock lag sie Anfang 1992 bei fast 20 Prozent. Einhergehend mit einer Verteuerung der Lebenshaltungskosten wie Miete, Nahrung, Strom und Wasser verfielen Tausende Menschen innerhalb von wenigen Wochen und Monaten in ökonomische Armut. Zeitgleich bröckelten infolge explodierender Binnenmigration in den Westen der Republik und des Wegfalls gemeinsamer Momente am Arbeitsplatz und in den rigiden Freizeitstrukturen der DDR die sozialen Netzwerke der Menschen untereinander. Soziale Isolation und eine Flucht in Abhängigkeiten, vor allem Alkoholismus, zeichneten das soziale Bild der Nachwende-Zeit ebenso wie jene Proteste für eine politische Liberalisierung und die Aneignung entstehender Freiräume.

Wird der Blick über die engen Grenzen der neuen Nation hinaus gerichtet, lässt sich das politische Ende der DDR als Teil des Zerfalls der Sowjetunion erkennen. In Südosteuropa – vor allem Rumänien und Jugoslawien – traten ab 1989 zuvor eingehegte ethnisch motivierte Auseinandersetzungen ein, die im Bürgerkrieg mündeten und zu einer massiven Fluchtbewegung von Ost- nach Westeuropa führten. Ostdeutschland war durch seine Lage oft ein erstes Ankunftsgebiet in der BRD und für die Erstaufnahme, -registierung und weitere Verteilung faktisch zuständig, gleichzeitig auf Grund erst neu etablierter Verwaltungsstrukturen fragil und nur bedingt für solche Auslastungen geeignet. Doch neben diesen zunächst vielleicht wenig eingespielten staatlichen Strukturen, zeigt sich besonders in Lichtenhagen mit der Zentralen Aufnahmestelle (ZASt) für gesamt Mecklenburg-Vorpommern, dass vor allem der Unwille zur Verantwortungsübernahme bei den Verantwortungsträgern dazu beitrug, der Zuständigkeiten hin und her schob und nicht für eine schnelle Bearbeitung von Erstanträgen und einer anschließenden Verteilung sorgte. Zeitgenössische Schreiben dokumentieren dabei nicht selten kommunalen Widerstand überhaupt Geflüchtete aufzunehmen und Schikanen gegen jene, die bereits Unterbringung erfuhren oder ihrer harrten.

Auch ist das Pogrom von Lichtenhagen nur zu verstehen, wenn der Rassismus als gesellschaftliche Kontinuität berücksichtigt wird. Auch wenn die DDR sich in seiner Staatsidentität als „antifaschistisch“ proklamierte, sind trotz Verschweigung und Verhinderung offizieller Dokumentationen zahlreiche rassistisch motivierte Straftaten und Gruppenbildungen zwischen 1949 und 1990 durch die Arbeit von Historiker*innen inzwischen bekannt. Nicht nur die Bundesrepublik Deutschland mit ihren Konflikten in den 1960er und 1970er Jahren um die Aufarbeitung der Nationalsozialistischen Vergangenheit, auch in der Gesellschaft auf dem Boden der DDR spielte der Rassismus zur Abwertung anderer und Bildung, Festigung und Aufwertung von Gemeinschaft eine bedeutende Rolle. In Zeiten der Unsicherheiten und auch der Freiheit vor Strafen und Repression nach der Wiedervereinigung entluden sich die rassistischen Ideologien zunehmend in gezielte Aktionen gegen Menschen nicht deutscher Herkunft, Asylunterkünfte und links-alternativen Milieus. Bereits im Herbst 1991 sorgte dabei die sächsische Stadt Hoyerswerda für Aufsehen. Vom 17. bis 23. September attackierten mehrere Gruppen meist jugendlicher Ostdeutscher zuerst ein Vertragsarbeiter*innenwohnheim, anschließend das daneben liegende Flüchtlingswohnheim. Doch neben diesen medial breit bekannt gewordenen Angriffen, fanden Anfang der 1990er Jahre eine Vielzahl von rassistisch motivierten Angriffen auf der Straße, in der Bahn, im Einkaufsladen – im gesamten Alltag statt. Das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen reiht sich ein in die Kontinuität rassistisch motivierter Gewalttaten. Allein ein Blick auf Mecklenburg-Vorpommern zeigt dabei, dass Angriffe auf Asylunterkünfte im Jahr 1992 weder eine Ausnahme, noch ein Phänomen bestimmter – urbaner oder ländlicher – Milieus war, vielmehr verdeutlichen die etwa 60 nachweisbaren Attacken, dass rassistische Mobilisierungen an fast allen Orten Raum griffen.

Was geschah nach Lichtenhagen 1992?

Trotz der, sich in den letzten Tweets abzeichnenden umfangreichen polizeilichen Maßnahmen, nahmen an einer bundesweiten Großdemonstration in Rostock unter dem Motto „Stoppt die Pogrome“ etwa 15.000 Personen teil. Dort waren ein erstes Mal öffentlich Stimmen von Betroffenen zu hören, welche neben der aktiven physischen Gewalt vor allem jene kritisierten, die daneben standen, klatschten und den unmittelbar Angreifenden Schutz boten.

Dynamisierte das Pogrom in Lichtenhagen zunächst vor allem die Mobilisierung innerhalb neonazistischer Strukturen, beförderte es in einem weiteren Kontext die seit Anfang der Neunziger geführte politische Debatte um Zuwanderung. Votierte die SPD-Leitung unmittelbar nach den Ereignissen in Rostock für eine Aufgabe des Widerstands gegen eine faktische Abschaffung des Asylrechts, vereinbarte die damalige CDU-FDP-Regierung im Taumel rechter Gewalt mit Rumänien zum 01.11.1992 ein Rückführungsabkommen zur Wiederaufnahme in Deutschland abgelehnter Asylbewerber*innen oder nicht anerkannter Geflüchteter. Ebenso waren die in dem Vertragsarbeiter*innenwohnheim Isolierten unmittelbar nach dem Pogrom von Abschiebung bedroht. Statt dem Schutz und einer Entschädigung traumatisierter Schutzbedürftiger beschritt die deutsche Regierung eine Politik der Abschottung und der Entliberalisierung des Grundrechts auf Asyl in Form des „Asylkompromiss“ am 24.05.1993. Das Recht der vietnamesischen Vertragsarbeiter*innen in Rostock zu bleiben, musste erst erstritten werden.

In Reaktion auf das Rückführungsabkommen mit Rumänien demonstrierten am 19.10.1992 46 französische, jüdische Aktivist*innen um Beate und Serge Klarsfeld vor dem Rostocker Rathaus gegen diese Politik der Deportation von Sinti und Roma und befestigten am Rathaus eine Gedenktafel und hängten Transparente aus den Fenstern der Fraktionsräume der CDU. Die Rostocker Kommunalpolitik reagierte mit Empörung und Unwillen der Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit den Ereignissen im August 1992, ließ die Tafel umgehend entfernen und nahm die Demonstrierenden fest. Die Tafel fand anschließend ihren Weg in die Räume der niedersächsischen Landesvertretung in Berlin, in Mecklenburg-Vorpommern fokussierten Landespolitiker*innen vielmehr eine Auseinandersetzung, deren Schwerpunkt die vermeintliche „Belastungen für die Bevölkerung und für die Gemeinden des Landes“ durch Asylsuchende darstellte, die Erinnerung oblag vor allem zivilgesellschaftlichen Akteur*innen.

Nach Rostock-Lichtenhagen fanden im gesamten Bundesgebiet zahlreiche Anschläge auf Unterkünfte und Angriffe auf Personen statt. Neben dokumentierten Übergriffen in Mecklenburg-Vorpommern im Jahr 1992, fand der gesellschaftliche Rassismus in den öffentlich bekannten Brandanschlägen von Solingen und der Lübecker Hafenstraße 15 Opfer seinen Niederschlag. Viele Anschläge vor und nach Lichtenhagen gleichen sich in der Vorgehensweise und dem Ausmaß der Äußerung von Rassismus. Doch steht Lichtenhagen weiterhin symbolisch für alle anderen Anschläge, da es an keinem anderen Ort zu einer Ansammlung derartiger Menschenmassen kam, die entweder stumm zuschauten, begeistert Beifall klatschten oder aktiv an der Gewalt partizipierten. Die schiere Masse an Beteiligten am Pogrom ist das, was Rostock-Lichtenhagen in der Geschichtsschreibung einzigartig heraus stellt.

Die frühen 1990er Jahren waren gekennzeichnet durch einen Zerfall gesellschaftlicher Solidarität, fehlender Zivilgesellschaft aber auch durch einen faktischen Wegfall gesellschaftlicher Tabus. Ermöglichte diese Phase der Neubildung staatlicher Strukturen eine Entfaltung alternativer Lebensentwürfe, sanken parallel dazu Hemmschwellen, Menschen Gewalt anzutun und die Tötung anderer billigend in Kauf zu nehmen. So zeigt sich mit einem Blick auf die globalen Flüchtlingsbewegungen seit Herbst 2015 und die rassistischen Reaktionen darauf oder auch das Agieren der rechtsradikalen Gruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU), dass das Pogrom von Lichtenhagen nicht als isoliert und „längst“ vergangen betrachten werden kann.